1. Die Präventions-Kurve
2. Die Zinseszins-Kurve
Auf die erste Kurve bin ich recht früh gestoßen und dann aufgesprungen auf die zweite leider eher spät. Dass Prävention sinnvoll ist, habe ich in meinem Sportstudium verstanden. Denn von den 80 Studienanfängern, die mit mir gemeinsam Sportwissenschaften mit dem Schwerpunkt ‚Prävention und Rehabilitation‘ studiert haben, erreichten nur 15 das Ziel, den Universitätsabschluss. Die meisten Studierenden mussten verletzungsbedingt aufgeben. 35 Stunden Sport pro Woche war nicht nur für mich, sondern viele meiner Kommilitonen einfach zu viel. Mit Ach und Krach erreichte ich, der auch nicht auf die Belastungsdichte vorbereitet war, die Ziellinie, das Diplom.
Zwei Fragen
Diese körperliche und letztlich auch seelische Grenzerfahrung prägte mein Leben und sensibilisierte mich für zwei grundlegende philosophische Fragen.
1. „Wie gehe ich mit den unvermeidbaren Belastungen des Lebens um!“
und 2. „Was kann ich selbst beitragen, damit mein Leben gelingt!“
Zum Kern meiner beruflichen Tätigkeit wurde dann die Frage „Wie können Menschen in Anbetracht ihrer eigenen Bauart bzw. Konstitution ein erfülltes Leben führen. Die zentrale Erkenntnis aus den letzten 30 Jahren kann ich so zusammenfassen: So einzigartig wir Menschen sind, so einheitlich profitieren wir von Effekten, die lange unsichtbar bleiben, dann aber kraftvoll in Erscheinung treten.
Wer früh anfängt Vermögen aufzubauen, hat das Prinzip vom Zinseszins verstanden. Mit kleinen Summen Geld können wir im Laufe der Zeit Großes erreichen. Das Gleiche gilt für die mentale und körperliche Prävention. Die funktioniert dann, wenn wir nicht im Hauruckverfahren ab und an mal etwas Sport machen, sondern trägt erst bei kontinuierlicher Pflege langfristig Früchte.
Für den Alltag bedeutet das:
Wer sich jeden Tag einen Augenblick Zeit nimmt, um in Ruhe ein paarmal durchzuatmen, die Muskulatur des Rückens und Extremitäten dehnt und Treppen steigt, statt den Aufzug zu nehmen, kommt mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit in den Genuss eines erfreulichen Bewegungsspektrums im Alter.
Doch was mich selbst nach 25 Jahren im Beruf immer wieder erstaunt, ist, wie wenig Energie, Zeit und Geld Unternehmen in die kontinuierliche Prävention ihrer Mitarbeiterinnen fließen lassen und wie viel in die Rehabilitation. Ein Krankentag oder gar ein Krankenmonat kosten ein Unternehmen Unsummen. Doch diese Kosten werden zähneknirschend in Kauf genommen. Die Fehltage pro Mitarbeiter erreichen in vielen Unternehmen inzwischen Werte von 15 – 100 Tagen pro Jahr.
Das bedeutet für die noch verbliebenen Anwesenden folgendes. Der mentale Druck und die Aufgabendichte steigen weiter an. Das ist dann der Zeitpunkt, an dem der Begriff ‚Resilienz‘ in aller Munde ist und eindringlich vom Personal gefordert wird. Ich und all‘ die anderen Trainer für mentale Widerstandskraft kommen meist erst dann – rehabilitativ - ins Spiel, wenn ein großer Teil der Mannschaft mit Schlafstörungen und Schmerzen am Bewegungsapparat, meist der Wirbelsäule, kämpft.
Doch es geht auch anders.
Die Kunst für Unternehmen besteht also darin, Prävention von den Hochglanzbroschüren in den echten Berufsalltag zu integrieren. Doch das Engagement der Betriebe allein reicht natürlich nicht. Viel wäre gewonnen, wenn jeder Einzelne den Grundgedanken von Prävention schon zuhause oder in der Schule verinnerlichen hätte. Wer am eigenen Körper und seelisch immer wieder spürt, wie positiv sich regelmäßige, kleine Vorsorgemaßnahmen auszahlen, den brauche ich extern gar nicht mehr motivieren, sondern nur Rahmenbedingungen schaffen, die Prävention ermöglichen.
Rehabilitation ist gut - Prävention ist besser
Und die gute Nachricht ist, wir können mit der Präventionskurve und dem Zinseszinskurve jederzeit beginnen! Alles, was wir brauchen, ist nur ein wenig Geduld bis zur Ernte.
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